Vier Regeln für konstruktive Kritik

Häufig stößt man auf Meinungen oder Argumente, die man für falsch oder sogar unsinnig hält. Doch wie kann man – wie sollte man – darauf reagieren?

Es gibt ein sehr einfaches Werkzeug, um in den meisten Streitgesprächen konstruktiv zu bleiben (zumindest solange das Gegenüber ebenfalls an einem tatsächlichen Austausch interessiert ist): Vier einfache Regeln für konstruktive Kritik, die jeder befolgen kann und die die Chancen erhöhen, dass man selbst wirklich zuhört, auf die Punkte des Anderen konkret eingeht und das Gegenüber die eigene Kritik im Gegenzug gut aufnimmt.

Vier Regeln für konstruktive Kritik

In seinem Buch Intuition Pumps and Other Tools for Thinking führt der Philosoph Daniel Dennett vier Regeln für konstruktive Kritik auf, die ursprünglich auf den Psychologen Anatol Rapoport zurückgehen:

  1. Hören Sie sich genau an, was Ihr Gegenüber sagt. Geben Sie seine Position oder sein Argument in Ihren eigenen Worten wieder – so korrekt, klar und anschaulich wie möglich. Fragen Sie nach, ob Sie Ihr Gegenüber richtig verstanden haben.
  2. Zählen Sie alle Punkte auf, denen Sie zustimmen.
  3. Nennen Sie etwas, das Sie von Ihrem Gegenüber gelernt haben (wenn irgendwie möglich).
  4. Bringen Sie erst dann Gegenargumente und respektvolle Kritik.

Am wichtigsten ist die erste Regel: Zuhören und sichergehen, dass man das Gegenüber richtig verstanden. Die zweite Regel hat die Funktion, dass man sich auf einer gemeinsamen Grundlage bewegt. Fast immer gibt es eine ganze Reihe an geteilten Überzeugungen; aber häufig ist nicht klar, worüber man sich einig ist. Das sollte man klarstellen.

Die dritte Regel lässt einen selbst kurz reflektieren, was das Gegenüber einem voraus hat. Manchmal hält man es für wenig wahrscheinlich, dass man von seinem Gegenüber etwas lernen kann – und doch ist es meistens der Fall (und wenn es wirklich nicht der Fall ist, dann sollte man sich überlegen, warum man überhaupt das Gespräch sucht).

Die vierte Regel ist das, was die meisten Menschen als Erstes tun wollen – gegenhalten und widersprechen. Kritik ist wichtig – muss aber nicht immer direkt am Anfang stehen und kann durchaus respektvoll formuliert werden; selbst wenn das Gegenüber ein Klimaleugner oder eine Reichsbürgerin ist.

Dennetts Intuition Pumps and Other Tools for Thinking

Im englischen Original schreibt Dennett:

Dennetts „Intuition Pumps and Other Tools for Thinking“

Just how charitable are you supposed to be when criticizing the views of an opponent? If there are obvious contradictions in the opponent’s case, then you should point them out, forcefully. If there are somewhat hidden contradictions, you should carefully expose them to view—and then dump on them. But the search for hidden contradictions often crosses the line into nitpicking, sea-lawyering and outright parody. The thrill of the chase and the conviction that your opponent has to be harboring a confusion somewhere encourages uncharitable interpretation, which gives you an easy target to attack. But such easy targets are typically irrelevant to the real issues at stake and simply waste everybody’s time and patience, even if they give amusement to your supporters. The best antidote I know for this tendency to caricature one’s opponent is a list of rules promulgated many years ago by social psychologist and game theorist Anatol Rapoport (creator of the winning Tit-for-Tat strategy in Robert Axelrod’s legendary prisoner’s dilemma tournament).

How to compose a successful critical commentary:

  1. You should attempt to re-express your target’s position so clearly, vividly, and fairly that your target says, „Thanks, I wish I’d thought of putting it that way.“
  2. You should list any points of agreement (especially if they are not matters of general or widespread agreement).
  3. You should mention anything you have learned from your target.
  4. Only then are you permitted to say so much as a word of rebuttal or criticism.

One immediate effect of following these rules is that your targets will be a receptive audience for your criticism: you have already shown that you understand their positions as well as they do, and have demonstrated good judgment (you agree with them on some important matters and have even been persuaded by something they said).

Dennetts primäres Ziel war es eine spezielle Art des fehlerhaften Argumentierens zu unterbinden: den Strohmann (oder auch manchmal Pappkameraden genannt).

Einen Strohmann baut man auf, wenn man die Position des Gegenübers überzeichnet oder auf andere Weise falsch darstellt. Das kann bewusst oder unbewusst geschehen. Als fehlerhaftes Argumentationsmuster ist der Strohmann nahezu allgegenwärtig. In Talkshows wird dem Kontrahenten eine absurde These in den Mund gelegt, in der Wissenschaft wird die Theorie des anderen Lagers irreführend vereinfacht und sogar im Privatgespräch verstehen wir häufig das Gegenüber zunächst einmal falsch und unterstellen ihm etwas, das er weder gesagt hat noch für wahr hält.

Wie nützen Dennetts Regeln für die Streitkultur?

Die vier Regeln für konstruktive Kritik haben allerdings noch eine ganze Reihe an weiteren Funktionen, die eine bessere Diskussion ermöglichen. Zunächst geben sie einem selbst (vor allem in mündlichen Auseinandersetzungen) ausreichend Zeit, sich tatsächlich eine gehaltvolle Kritik zu überlegen. Während man die These des Gegenübers paraphrasiert und Gemeinsamkeiten aufzeigt, kann man sein eigenes Argument gedanklich bereits schärfen. Das Resultat sind bessere und relevantere Argumente.

Ferner zwingen einen die vier Regeln für kontruktive Kritik dazu, aktiv zuzuhören. Häufig hören wir gar nicht genau hin, wenn wir in einem Gespräch sind, sondern überlegen bereits, was wir als nächstes sagen wollen oder schweifen sogar mit unseren Gedanken vollständig ab. Doch wenn klar ist, dass wir das Gesagte nochmal kurz zusammenfassen müssen, dann hilft das dabei, wirklich zuzuhören.

Und das aktive Zuhören hat unmittelbar den Effekt, dass wir ein besseres Verständnis der anderen Position und Argumente aufbringen können. Wir sind weniger geneigt, dem Anderen etwas zu unterstellen, was er nicht behaupten würde – wir sind weniger anfällig für Strohmänner aller Art.

Das Betonen der gemeinsame Grundlage führt zudem dazu, dass die eigenen Argumente und die eigene Kritik relevant sind. Argumente können nur überzeigen, wenn sie Prämissen (also Annahmen) enthalten, die das Gegenüber teilt. Nur dann ist das Gegenüber auch rational dazu angehalten, den eigenen Schluss zu akzeptieren.

Das aktive Zuhören, das Betonen der Gemeinsamkeiten und das Herausstellen dessen, was man gelernt hat, hat jedoch noch weitere positive Eigenschaften – und zwar auf der Beziehungsebene. Zuhören signalisiert Respekt. Wenn beiden Parteien klar ist, dass sie auch in relevanten Punkten übereinstimmen und dass man voneinander lernen kann, dann sind sie auch emotional eher dazu bereit, den Gedanken des jeweils Anderen zu folgen und entsprechende Schlüsse zu akzeptieren.

Hitzige Streitgespräche

Weil es nicht immer einfach ist, die vier Regeln für kontruktive Kritik auch umzusetzen, sind hier ein paar Formulierungshilfen:

Regel eins. Versuchen Sie, die Position Ihres Gegenübers klar, anschaulich und fair wiederzugeben! Sagen Sie: „Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du…“ oder „Habe ich Recht, dass dein Gedankengang… ?“

Regel zwei. Nennen Sie Gemeinsamkeiten! Sagen Sie: „Ich denke, was wirklich wichtig ist an deiner Sicht ist, dass…“ oder „Ich mag den Gedanken, dass…“ oder „Wie du, mache ich mir auch Sorgen, dass…“

Regel drei. Erwähnen Sie etwas, das Sie von der anderen Person gelernt haben! Sagen Sie: „Was ich interessant finde, ist… . Das wusste ich nicht. “ oder „Ich verstehe jetzt viel besser deine Position, dass…“

Regel vier. Nennen Sie Ihre Widerlegung oder Kritik. Sagen Sie: „Allerdings…“ oder „Was ich jedoch problematisch finde, ist…“

Das kann man auch prima in einem (langen) Satz kombinieren: „Du sagst also, dass… , wobei ich dir in dem Punkt, dass… , zustimme; wirklich spannend finde ich dabei, dass… , allerdings sehe ich … anders, weil…“

Die vier Regeln für konstruktive Kritik sind auch Teil der zehn Regeln für gute Debatte, die wir für Streitgespräche im Rahmen von Deutschland spricht, dem Tag der offenen Gesellschaft und ähnliche Formate entwickelt haben.

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David Lanius
Forscher am DebateLab des KIT
David Lanius ist Forscher am DebateLab des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), Gründer des Forums für Streitkultur und Trainer am Institut für Argumentationskompetenz. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf strategischer Unbestimmtheit in Recht und Politik, Populismus, Fake News und den Möglichkeiten und Grenzen von konstruktivem Diskurs.